Aus Anlass des Todes von Rolf Pohle veröffentlichen
wir Auszüge seiner Rede vor dem Aeropag, dem obersten
griechischen Gericht, das über seine Ausliefrung nach
Deutschland entschied. Es ist eine exemplarische Rede vor
Gericht - und sie ist auch beispielhaft für den Begriff
und die Vorstellungen der antiimperialistischen Bewegung
der 70er Jahre. Rolf kämpfte in diesem Zusammenhang
und verstand sich und die revolutionären Gruppen innerhalb
einer gemeinsamen weltrevolutionären Strategie aus
den Metropolen und den (Neo-)Kolonien. Vieles in seiner
Rede wird nur von diesem Ausgangspunkt aus verständlich;
anderes, wie z.B. seine Charakterisierung der BRD als reformfaschistisch,
könnte und würde heute so nicht mehr gesagt werden.
Genauso die Focussierung auf das zionistische Israel
ohne den Zusammenhang herzustellen mit dem deutschen Faschismus.
Was völlig fehlt ist die Auseinandersetzung mit der
Rolle als deutsche Linke gemeinsam mit den Palästinensern
zu kämpfen, gemeinsam auch gegen die israelische Besatzung
zu kämpfen.
Wer nur seine Vorurteile gegenüber den antiimperialistischen
Linken der 70er Jahre pflegen und bestätigen will,
wird all das finden, was er oder sie dafür braucht.
Gerecht wird man ihr, und damit auch Rolf allerdings nicht.

Wir leben im Dritten Weltkrieg. Es ist der Krieg des US-Imperialismus
gegen die Menschlichkeit. Es ist der Krieg einer kleinen
radikalen
Minderheit und ihrer Söldner gegen die Völker der
Welt. Es ist der Krieg einer sich zunehmend internationalisierenden
Weltbourgeoisie - der Kennedy-Onassis und wie sie alle heißen
- gegen die Weltarbeiterklasse, das Weltproletariat. Ziel
des Imperialismus ist die Beherrschung der Welt, um weiter
auf Kosten der übrigen Menschheit leben zu können.
Die Herrschaftsmethode des Imperialismus ist Jahrtausende
alt und bekannt: Divide et impera - teile und herrsche!
Die Menschheit wird aufgeteilt, um sie untereinander gegenseitig
auszuspielen und unterdrücken zu können. Wenn sich
zwei streiten, freut sich der Imperialist. Der Imperialismus
teilt die Menschheit: geographisch in Westdeutschland/ Ost-deutschland/Berlin,
Nordvietnam/Südvietnam, Nordkorea/Südkorea, China/Taiwan;
rassistisch in Weiße/Schwarze (Südafrika, Rhodesien,
USA), in Juden und Araber (zionistisch besetztes Palästina):
religiös in Christen/Mohammedaner (Libanon), Katholiken/Protestanten
(Irland), nationalistisch in Griechen/Türken (Zypern),
in Ausländer/Inländer (in allen Ländern der
Welt).
Der Imperialismus teilt die Menschheit in: Frauen/Männer,
Alte/Junge, Langhaarige/Kurzhaarige, Reiche/Arme, Schuldige/Unschuldige,
Handarbeiter/Kopfarbeiter, Mehrheit/Minderheit, Völker
der Dritten Welt/halbindustrialisierte Staaten/Industriestaaten.
Wo er nicht an gegebene Unterschiede anknüpfen kann,
schafft der Imperialismus sie mit allen verfügbaren Mitteln.
Am sinnlichsten erfahrbar wird dies in den imperialistischen
Gefängnissen: Jeder Gefangene wird in eine getrennte
Zelle eingeschlossen. Jeder wird anders behandelt - bevorzugt/benachteiligt
- und wo sich trotzdem noch Solidarität/gemeinsames Handeln
regt, wird es extra bestraft.
Der Imperialismus teilt das Leben der Menschen und damit
sie selbst, er macht uns schizophren: Produktion entfremdeter
Arbeit/Konsum vorgeschriebener Freizeit, Schlafstätte/Verkehr/Arbeitsplatz/Verkehr/'Einkaufszentrum'/Verkehr,
Denken/Handeln, Fühlen/Sagen.
Kriegsmittel
Der Imperialismus hat den totalen Krieg erklärt. Alles,
was der Erhaltung seiner Herrschaft dient, ist erlaubt. Wo
Menschen und Völker sich nicht unterdrücken und
ausbeuten lassen, werden sie vernichtet. Indianer und Azteken,
die Völker Indochinas, die Araber im Libanon, Ulrike
Meinhof, Wilfried Böse, Alexander Panagoulis. Wo er seine
Herrschaft gefährdet sieht, unterscheidet er nicht mehr
zwischen Kämpfern und Wehrlosen, zwischen Männern,
Frauen und Kindern, Alten und Jungen, Freunden und Feinden.
'Entlaubungsaktionen', verbrannte Erde, Napalm, Tränengas,
das tötet, künstliche Erzeugung von Wolkenbrüchen
zur Vernichtung der Ernte, Deichbombardierungen, um ganze
Länder zu überschwemmen, systematische Gefangenenfolterungen,
das sind nur wenige Stichworte zum 'konventionellen Krieg',
zur 'Terroristenbekämpfung'.
Dass wir das alles nicht wahrhaben können, oft nicht
einmal wahrhaben wollen, dafür hat der verwissenschaftlichte
Imperialismus, das heißt der Neokolonialismus, das heißt
der Reformfaschismus, Milliarden von Dollars und Millionen
von Wissenschaftssöldnern, von Journalistensöldnern
an die Front der psychologischen Kriegsführung geschickt.
Das System der 'Rationalität im Kleinen, Irrationalität
im Großen' soll in den Köpfen der Menschheit so
verankert sein, dass sie gar nicht daran zu denken wagen,
für wen sie arbeiten, leben und sterben müssen -
für die Imperialisten.
'Modell Deutschland' oder: (Am deutschen Wesen soll
die Welt genesen!)
Unser Hauptfeind ist die herrschende Clique in den USA. Sie
hat in Westdeutschland ihre Hauptstützpunkte. Hier sind
die größte CIA-Niederlassung, das größte
US-Truppenkontingent (über zweihunderttausend Soldaten),
das größte US-Atom- und konventionelle Waffenarsenal
außerhalb der USA. Hier sind die größten
US-Kapitalinvestitionen der Welt. Westdeutschland ist der
US-Subimperialist in Europa, sowie der Iran im Nahen Osten,
Japan in Asien, Brasilien in Lateinamerika. (Und alle natürlich
gegen das sozialistische Lager - 'Terroristen' usw.) Die imperialistischen
USA und ihre Subimperialisten bedienen sich ihrer rassistisch/faschistischen
Ordnungstruppen: Südkorea, Südafrika; die Zionisten
im besetzten Palästina, die Christen im Libanon: die
griechische Militärjunta, die Militärdiktaturen
in Lateinamerika, Spanien usw.
Westdeutschland steht an der vordersten Front, wenn es gilt,
dieses imperialistische System zu erhalten: Westdeutschland
hat nicht nur mit jährlichen Milliardenzahlungen an die
USA deren Ausrottungskrieg in Indochina mitfinanziert (Deckname
war: 'Devisenausgleich'). Westdeutschland war auch militärisch-technologisches
Hinterland für diesen Krieg: hier standen zum Beispiel
die Computer, die die Bombenzerstörung Indochinas ausrechneten.
Nach den USA ist Westdeutschland der zweitgrößte
Kapitalinvestor, Handelspartner, Offiziers- und Polizistenausbilder,
Propagandist des Kolonialismus, des Rassismus, des Faschismus
in aller Welt. Nicht zufällig treffen sich Kissinger,
Genscher und Vorster in Westdeutschland, um Kriegsrat gegen
den Befreiungskampf in Afrika zu halten. Nicht zufällig
ist es Kanzler Schmidt, der dem italienischen Volk (und allen
anderen Völkern der Welt) mit einem neuen Chile droht,
falls sie sich, - nur mit dem Stimmzettel, gewaltlos - vom
Imperialismus befreien wollen.
Die herrschende Clique in Westdeutschland ist die große
Koalition der Reformfaschisten. Sie umfasst neben der Führung
von SPD, CDU/CSU und FDP eine in der Tradition der Kaiserzeit
des 19. Jahrhunderts und des Hitlerfaschismus gehaltene, durch
die US-Imperialisten 'umerzogene' Bürokratie in Militär,
Polizei und Justiz, die Wirtschaftsbosse, die Führung
der Gewerkschaften und Kirchen. Ihre Repräsentanten sind
Alt-Nazi-Propagandist Kiesinger oder Alt-Nazi-Offizier Helmut
Schmidt.
Sie sind Reformfaschisten. Hier die 'Reform', die sie seit
1966, also seit Beginn der Großen Koalition, zuwege
gebracht haben:
1. Ausbau der Wehrmacht zur zweitstärksten der imperialistischen
Staaten. Die Manöverpläne umfassen nicht nur erneute
Invasionen Kretas und Griechenlands, Italiens usw., sondern
zielen zunehmend auf den inneren Feind, die Westdeutschen.
2. Militarisierung des öffentlichen Lebens; zunehmende
militärische Ausbildung, Ausrüstung und Einsatz
der Polizei.
3. 'Rationalisierung der Arbeit. Das heißt ungeheure
Beschleunigung des Arbeitstempos, Verschärfung der Akkordhetze.
In der gleichen Arbeitszeit müssen die Arbeiter teilweise
das Zehnfache von dem produzieren, wie vor zehn Jahren. Folge:
Über dreitausend Menschen sterben jährlich direkt
am Arbeitsplatz (Sprachregelung: 'Arbeitsunfälle'), fünfundzwanzigtausend
werden Frührentner, das heißt sie sind teilweise
schon nach wenigen Jahren für ihr ganzes Leben unfähig
gemacht worden.
Die Arbeit, die der Einzelne machen muss, wird so zerlegt,
dass der Einzelne, der sowieso nicht weiß, für
wen er überhaupt produziert, nur mehr als Anhängsel
einer Maschine sinnlose Einzelverrichtungen ausführt.
Die Folge: zwanzig Millionen psychisch Kranke in Westdeutschland,
davon sechs Millionen direkt behandlungsbedürftig. Jedes
Jahr fünfzehntausend 'Selbst'morde, nicht gerechnet diejenigen
von den sechzehntausend Verkehrstoten und zweihundertundfünfzigtausend
Verletzten pro Jahr, die auf diese Weise mit ihrem Leben Schluss
machen (wollen).
4. Faschistische Auslöschung des antiimperialistischen
Widerstandes. 'Einkreisen - Isolieren - Vernichten, die Strategie
der US-Imperialisten gegen Indochina ist auch die Strategie
der Reformfaschisten in Westdeutschland gegen den antiimperialistischen
Widerstand. Einkreisen durch totale Überwachung der legalen
Arbeit, durch Verbot politischer Diskussionen am Arbeitsplatz,
durch Berufsverbote usw., Isolieren einmal durch die Hetze
des gleichgeschalteten Propagandaapparates: antiimperialistischer
Widerstand wird personifiziert (Baader-Meinhof
statt bewaffneter Widerstandsorganisationen in Westdeutschland,
'Carlos' statt internationaler bewaffneter Kampf), um den
Massen eine Identifizierung unmöglich zu machen. Isolieren
zum anderen in den Gefängnissen. Über zehntausend
Strafverfahren in den Jahren 1967-1969 gegen die antiimperialistische
Bewegung, Massenverhaftungen. Heute wiederum tausende Verfahren
gegen den Widerstand, die Zahlen werden nicht veröffentlicht.
Über zweihundert Gefangene, viele seit Jahren, einige
seit über fünf Jahren.
Vernichten: Systematische Anwendung der Isolationshaft -
Vernichtungshaft sowie Verweigerung der notwendigen medizinischen
Behandlung führte zum Tod von Katharina Hammerschmidt
und Holger Meins (1974), Siegfried Hausner (1975) und Ulrike
Meinhof (1976).
Wir leben im Dritten Weltkrieg. Es ist der Krieg der Menschheit
gegen den US-Imperialismus, des Weltproletariats gegen die
Weltbourgeoisie.
Ziel der Menschheit ist:
Statt Ausbeutung und Unterdrückung Solidarität und
Herrschaft des Volkes - Demokratie.
Die Befreiungsmethode der Menschheit ist die internationale
Solidarität, der Widerstand, der sich zum Volkskrieg
der antiimperialistischen Völker organisiert. Ein Beispiel
dafür ist der Menschheit für die Befreiung Indochinas.
Kein US-imperialistisch beherrschtes Land auf der Welt, in
dem nicht militant und militärisch die Basen des US-Imperialismus
angegriffen wurden. Ohne diese internationale Solidarität,
ohne diesen antiimperialistischen Krieg der Völker wäre
Indochina heute US-imperialistisch beherrscht oder vernichtet.
Umgekehrt ist der Befreiungskrieg der Völker Indochinas
selber ein Beispiel internationaler Solidarität.
Ohne diese internationale Solidarität Indochinas gäbe
es heute nicht in jedem US-imperialistisch beherrschten Land
die Guerilla, das heißt den bewaffneten Volkswiderstand,
den beginnenden oder entwickelten Volkskrieg.
Kampfmittel
Die Sprache der Herrschenden ist Gewalt, und nur sie verstehen
sie auch. Nicht Menschlichkeit, nicht Parlamentsdebatten und
Demonstrationen haben die US-Atombomben-Terroristen bisher
von ihrem Ziel, Weltherrschaft, abgehalten, sondern der Gegenterror
des sozialistischen Lagers, Gegenterror durch Atombombenrüstung,
die zum Atompakt und damit zur erzwungenen Begrenzung des
totalen Krieges führte. Was für die Atombombe gilt,
gilt für alle anderen Kampfmittel des Imperialismus auch:
Dass die Gewalt der Herrschenden nur durch die revolutionäre
Gewalt der Unterdrückten beseitigt wird, ist eine revolutionäre
Binsenweisheit.
Um den palästinensischen Widerstand als rassistisch
erscheinen zu lassen, wird das jüdische Altersheim in
München angezündet (1970, zwölf Tote). Um die
RAF und die 'Bewegung 2. Juni, als ziellose Terrororganisationen
erscheinen zu lassen, wird unter dem Namen RAF eine Bombendrohung
gegen eine ganze Stadt veröffentlicht (Stuttgart, Mai
1972).
Bei den Blutbädern, die der Papiertiger Imperialismus
vor seinem endgültigen Abtritt von der Weltgeschichte
überall anrichtet, unterscheidet er nicht zwischen Unschuldigen
und 'Schuldigen'. In seiner konterrevolutionären Propaganda
auch nicht: Alle Opfer revolutionärer Gewalt sind 'unschuldig'.
Diese imperialistische Logik ist richtig. Es gibt keine 'Schuld',
also auch keine '(Un-)Schuldigen'. Es gibt auch keine 'Unbeteiligten'.
Wir leben alle auf Kosten der Menschen, die in der Dritten
Welt täglich verhungern. Dagegen gibt es die Verantwortung
jedes Menschen in der Welt, mit allen Mitteln den Hunger und
den täglichen Massenmord so schnell wie möglich
zu stoppen.
Schafft viele Revolutionäre Zellen. Organisiert euch
im antiimperialistischen Befreiungskrieg der Völker!
Schafft ein, zwei, drei, viele Vietnams!
Wenn die Palästinenser Krieg führen wollen,
sollen sie es in ihrem eigenen Lande tun.
(Konstantin Stefanakis, westdeutscher Justizminister in Griechenland,
Interview in Der Spiegel, vom 9.8,1976, Seite 30)
Eine Arbeitsteilung, bei der die Revolutionäre
in der Dritten Welt ihren Kopf hinhalten, während die
Revolutionäre in den Metropolen feinsinnige Analysen
schreiben, ist für mich nicht denkbar.
(Westdeutscher Guerillero, 1970).
Die vollständige Version ist auf der Materialseite zu
dieser Ausgabe zufinden:
http://www.sooderso.de/
Im vergangenen Jahr erschien im Karin
Kramer Verlag ein langes Interview mit Rolf Pohle: Mein
Name ist Mensch - Das Interview.
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