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Zeitung für internationale Solidarität für die Freiheit der politischen Gefangenen!
So oder So - Die Libertad!-Zeitung - Nr. 13- Frühjahr 2004 - Seite 15
Auszüge aus der Rede Rolf Pohles vor dem AREOPAG (1976)
Wir leben im Dritten Weltkrieg
[ Inhalt Nr. 13 .]

Aus Anlass des Todes von Rolf Pohle veröffentlichen wir Auszüge seiner Rede vor dem Aeropag, dem obersten griechischen Gericht, das über seine Ausliefrung nach Deutschland entschied. Es ist eine exemplarische Rede vor Gericht - und sie ist auch beispielhaft für den Begriff und die Vorstellungen der antiimperialistischen Bewegung der 70er Jahre. Rolf kämpfte in diesem Zusammenhang und verstand sich und die revolutionären Gruppen innerhalb einer gemeinsamen weltrevolutionären Strategie aus den Metropolen und den (Neo-)Kolonien. Vieles in seiner Rede wird nur von diesem Ausgangspunkt aus verständlich; anderes, wie z.B. seine Charakterisierung der BRD als reformfaschistisch, könnte und würde heute so nicht mehr gesagt werden. Genauso die Focussierung auf das „zionistische Israel“ ohne den Zusammenhang herzustellen mit dem deutschen Faschismus. Was völlig fehlt ist die Auseinandersetzung mit der Rolle als deutsche Linke gemeinsam mit den Palästinensern zu kämpfen, gemeinsam auch gegen die israelische Besatzung zu kämpfen.
Wer nur seine Vorurteile gegenüber den antiimperialistischen Linken der 70er Jahre pflegen und bestätigen will, wird all das finden, was er oder sie dafür braucht. Gerecht wird man ihr, und damit auch Rolf allerdings nicht.

Wir leben im Dritten Weltkrieg. Es ist der Krieg des US-Imperialismus gegen die Menschlichkeit. Es ist der Krieg einer kleinen radikalen Minderheit und ihrer Söldner gegen die Völker der Welt. Es ist der Krieg einer sich zunehmend internationalisierenden Weltbourgeoisie - der Kennedy-Onassis und wie sie alle heißen - gegen die Weltarbeiterklasse, das Weltproletariat. Ziel des Imperialismus ist die Beherrschung der Welt, um weiter auf Kosten der übrigen Menschheit leben zu können.

Die Herrschaftsmethode des Imperialismus ist Jahrtausende alt und bekannt: „Divide et impera - teile und herrsche!“ Die Menschheit wird aufgeteilt, um sie untereinander gegenseitig auszuspielen und unterdrücken zu können. Wenn sich zwei streiten, freut sich der Imperialist. Der Imperialismus teilt die Menschheit: geographisch in Westdeutschland/ Ost-deutschland/Berlin, Nordvietnam/Südvietnam, Nordkorea/Südkorea, China/Taiwan; rassistisch in Weiße/Schwarze (Südafrika, Rhodesien, USA), in Juden und Araber (zionistisch besetztes Palästina): religiös in Christen/Mohammedaner (Libanon), Katholiken/Protestanten (Irland), nationalistisch in Griechen/Türken (Zypern), in Ausländer/Inländer (in allen Ländern der Welt).

Der Imperialismus teilt die Menschheit in: Frauen/Männer, Alte/Junge, Langhaarige/Kurzhaarige, Reiche/Arme, Schuldige/Unschuldige, Handarbeiter/Kopfarbeiter, Mehrheit/Minderheit, Völker der Dritten Welt/halbindustrialisierte Staaten/Industriestaaten.

Wo er nicht an gegebene Unterschiede anknüpfen kann, schafft der Imperialismus sie mit allen verfügbaren Mitteln. Am sinnlichsten erfahrbar wird dies in den imperialistischen Gefängnissen: Jeder Gefangene wird in eine getrennte Zelle eingeschlossen. Jeder wird anders behandelt - bevorzugt/benachteiligt - und wo sich trotzdem noch Solidarität/gemeinsames Handeln regt, wird es extra bestraft.

Der Imperialismus teilt das Leben der Menschen und damit sie selbst, er macht uns schizophren: Produktion entfremdeter Arbeit/Konsum vorgeschriebener Freizeit, Schlafstätte/Verkehr/Arbeitsplatz/Verkehr/'Einkaufszentrum'/Verkehr, Denken/Handeln, Fühlen/Sagen.


Kriegsmittel

Der Imperialismus hat den totalen Krieg erklärt. Alles, was der Erhaltung seiner Herrschaft dient, ist erlaubt. Wo Menschen und Völker sich nicht unterdrücken und ausbeuten lassen, werden sie vernichtet. Indianer und Azteken, die Völker Indochinas, die Araber im Libanon, Ulrike Meinhof, Wilfried Böse, Alexander Panagoulis. Wo er seine Herrschaft gefährdet sieht, unterscheidet er nicht mehr zwischen Kämpfern und Wehrlosen, zwischen Männern, Frauen und Kindern, Alten und Jungen, Freunden und Feinden.

'Entlaubungsaktionen', verbrannte Erde, Napalm, Tränengas, das tötet, künstliche Erzeugung von Wolkenbrüchen zur Vernichtung der Ernte, Deichbombardierungen, um ganze Länder zu überschwemmen, systematische Gefangenenfolterungen, das sind nur wenige Stichworte zum 'konventionellen Krieg', zur 'Terroristenbekämpfung'.

Dass wir das alles nicht wahrhaben können, oft nicht einmal wahrhaben wollen, dafür hat der verwissenschaftlichte Imperialismus, das heißt der Neokolonialismus, das heißt der Reformfaschismus, Milliarden von Dollars und Millionen von Wissenschaftssöldnern, von Journalistensöldnern an die Front der psychologischen Kriegsführung geschickt. Das System der 'Rationalität im Kleinen, Irrationalität im Großen' soll in den Köpfen der Menschheit so verankert sein, dass sie gar nicht daran zu denken wagen, für wen sie arbeiten, leben und sterben müssen - für die Imperialisten.


'Modell Deutschland' oder: („Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“)

Unser Hauptfeind ist die herrschende Clique in den USA. Sie hat in Westdeutschland ihre Hauptstützpunkte. Hier sind die größte CIA-Niederlassung, das größte US-Truppenkontingent (über zweihunderttausend Soldaten), das größte US-Atom- und konventionelle Waffenarsenal außerhalb der USA. Hier sind die größten US-Kapitalinvestitionen der Welt. Westdeutschland ist der US-Subimperialist in Europa, sowie der Iran im Nahen Osten, Japan in Asien, Brasilien in Lateinamerika. (Und alle natürlich gegen das sozialistische Lager - 'Terroristen' usw.) Die imperialistischen USA und ihre Subimperialisten bedienen sich ihrer rassistisch/faschistischen Ordnungstruppen: Südkorea, Südafrika; die Zionisten im besetzten Palästina, die Christen im Libanon: die griechische Militärjunta, die Militärdiktaturen in Lateinamerika, Spanien usw.

Westdeutschland steht an der vordersten Front, wenn es gilt, dieses imperialistische System zu erhalten: Westdeutschland hat nicht nur mit jährlichen Milliardenzahlungen an die USA deren Ausrottungskrieg in Indochina mitfinanziert (Deckname war: 'Devisenausgleich'). Westdeutschland war auch militärisch-technologisches Hinterland für diesen Krieg: hier standen zum Beispiel die Computer, die die Bombenzerstörung Indochinas ausrechneten.

Nach den USA ist Westdeutschland der zweitgrößte Kapitalinvestor, Handelspartner, Offiziers- und Polizistenausbilder, Propagandist des Kolonialismus, des Rassismus, des Faschismus in aller Welt. Nicht zufällig treffen sich Kissinger, Genscher und Vorster in Westdeutschland, um Kriegsrat gegen den Befreiungskampf in Afrika zu halten. Nicht zufällig ist es Kanzler Schmidt, der dem italienischen Volk (und allen anderen Völkern der Welt) mit einem neuen Chile droht, falls sie sich, - nur mit dem Stimmzettel, gewaltlos - vom Imperialismus befreien wollen.

Die herrschende Clique in Westdeutschland ist die große Koalition der Reformfaschisten. Sie umfasst neben der Führung von SPD, CDU/CSU und FDP eine in der Tradition der Kaiserzeit des 19. Jahrhunderts und des Hitlerfaschismus gehaltene, durch die US-Imperialisten 'umerzogene' Bürokratie in Militär, Polizei und Justiz, die Wirtschaftsbosse, die Führung der Gewerkschaften und Kirchen. Ihre Repräsentanten sind Alt-Nazi-Propagandist Kiesinger oder Alt-Nazi-Offizier Helmut Schmidt.

Sie sind Reformfaschisten. Hier die 'Reform', die sie seit 1966, also seit Beginn der Großen Koalition, zuwege gebracht haben:

1. Ausbau der Wehrmacht zur zweitstärksten der imperialistischen Staaten. Die Manöverpläne umfassen nicht nur erneute Invasionen Kretas und Griechenlands, Italiens usw., sondern zielen zunehmend auf den inneren Feind, die Westdeutschen.

2. Militarisierung des öffentlichen Lebens; zunehmende militärische Ausbildung, Ausrüstung und Einsatz der Polizei.

3. 'Rationalisierung der Arbeit. Das heißt ungeheure Beschleunigung des Arbeitstempos, Verschärfung der Akkordhetze. In der gleichen Arbeitszeit müssen die Arbeiter teilweise das Zehnfache von dem produzieren, wie vor zehn Jahren. Folge: Über dreitausend Menschen sterben jährlich direkt am Arbeitsplatz (Sprachregelung: 'Arbeitsunfälle'), fünfundzwanzigtausend werden Frührentner, das heißt sie sind teilweise schon nach wenigen Jahren für ihr ganzes Leben unfähig gemacht worden.

Die Arbeit, die der Einzelne machen muss, wird so zerlegt, dass der Einzelne, der sowieso nicht weiß, für wen er überhaupt produziert, nur mehr als Anhängsel einer Maschine sinnlose Einzelverrichtungen ausführt.
Die Folge: zwanzig Millionen psychisch Kranke in Westdeutschland, davon sechs Millionen direkt behandlungsbedürftig. Jedes Jahr fünfzehntausend 'Selbst'morde, nicht gerechnet diejenigen von den sechzehntausend Verkehrstoten und zweihundertundfünfzigtausend Verletzten pro Jahr, die auf diese Weise mit ihrem Leben Schluss machen (wollen).

4. Faschistische Auslöschung des antiimperialistischen Widerstandes. 'Einkreisen - Isolieren - Vernichten, die Strategie der US-Imperialisten gegen Indochina ist auch die Strategie der Reformfaschisten in Westdeutschland gegen den antiimperialistischen Widerstand. Einkreisen durch totale Überwachung der legalen Arbeit, durch Verbot politischer Diskussionen am Arbeitsplatz, durch Berufsverbote usw., Isolieren einmal durch die Hetze des gleichgeschalteten Propagandaapparates: antiimperialistischer Widerstand wird personifiziert („Baader-Meinhof“ statt bewaffneter Widerstandsorganisationen in Westdeutschland, 'Carlos' statt internationaler bewaffneter Kampf), um den Massen eine Identifizierung unmöglich zu machen. Isolieren zum anderen in den Gefängnissen. Über zehntausend Strafverfahren in den Jahren 1967-1969 gegen die antiimperialistische Bewegung, Massenverhaftungen. Heute wiederum tausende Verfahren gegen den Widerstand, die Zahlen werden nicht veröffentlicht. Über zweihundert Gefangene, viele seit Jahren, einige seit über fünf Jahren.

Vernichten: Systematische Anwendung der Isolationshaft - Vernichtungshaft sowie Verweigerung der notwendigen medizinischen Behandlung führte zum Tod von Katharina Hammerschmidt und Holger Meins (1974), Siegfried Hausner (1975) und Ulrike Meinhof (1976).

Wir leben im Dritten Weltkrieg. Es ist der Krieg der Menschheit gegen den US-Imperialismus, des Weltproletariats gegen die Weltbourgeoisie.


Ziel der Menschheit ist:
Statt Ausbeutung und Unterdrückung Solidarität und Herrschaft des Volkes - Demokratie.

Die Befreiungsmethode der Menschheit ist die internationale Solidarität, der Widerstand, der sich zum Volkskrieg der antiimperialistischen Völker organisiert. Ein Beispiel dafür ist der Menschheit für die Befreiung Indochinas.
Kein US-imperialistisch beherrschtes Land auf der Welt, in dem nicht militant und militärisch die Basen des US-Imperialismus angegriffen wurden. Ohne diese internationale Solidarität, ohne diesen antiimperialistischen Krieg der Völker wäre Indochina heute US-imperialistisch beherrscht oder vernichtet.
Umgekehrt ist der Befreiungskrieg der Völker Indochinas selber ein Beispiel internationaler Solidarität.
Ohne diese internationale Solidarität Indochinas gäbe es heute nicht in jedem US-imperialistisch beherrschten Land die Guerilla, das heißt den bewaffneten Volkswiderstand, den beginnenden oder entwickelten Volkskrieg.

Kampfmittel

Die Sprache der Herrschenden ist Gewalt, und nur sie verstehen sie auch. Nicht Menschlichkeit, nicht Parlamentsdebatten und Demonstrationen haben die US-Atombomben-Terroristen bisher von ihrem Ziel, Weltherrschaft, abgehalten, sondern der Gegenterror des sozialistischen Lagers, Gegenterror durch Atombombenrüstung, die zum Atompakt und damit zur erzwungenen Begrenzung des totalen Krieges führte. Was für die Atombombe gilt, gilt für alle anderen Kampfmittel des Imperialismus auch: Dass die Gewalt der Herrschenden nur durch die revolutionäre Gewalt der Unterdrückten beseitigt wird, ist eine revolutionäre Binsenweisheit.

Um den palästinensischen Widerstand als rassistisch erscheinen zu lassen, wird das jüdische Altersheim in München angezündet (1970, zwölf Tote). Um die RAF und die 'Bewegung 2. Juni, als ziellose Terrororganisationen erscheinen zu lassen, wird unter dem Namen RAF eine Bombendrohung gegen eine ganze Stadt veröffentlicht (Stuttgart, Mai 1972).

Bei den Blutbädern, die der Papiertiger Imperialismus vor seinem endgültigen Abtritt von der Weltgeschichte überall anrichtet, unterscheidet er nicht zwischen Unschuldigen und 'Schuldigen'. In seiner konterrevolutionären Propaganda auch nicht: Alle Opfer revolutionärer Gewalt sind 'unschuldig'. Diese imperialistische Logik ist richtig. Es gibt keine 'Schuld', also auch keine '(Un-)Schuldigen'. Es gibt auch keine 'Unbeteiligten'. Wir leben alle auf Kosten der Menschen, die in der Dritten Welt täglich verhungern. Dagegen gibt es die Verantwortung jedes Menschen in der Welt, mit allen Mitteln den Hunger und den täglichen Massenmord so schnell wie möglich zu stoppen.

Schafft viele Revolutionäre Zellen. Organisiert euch im antiimperialistischen Befreiungskrieg der Völker! Schafft ein, zwei, drei, viele Vietnams!

„Wenn die Palästinenser Krieg führen wollen, sollen sie es in ihrem eigenen Lande tun.“
(Konstantin Stefanakis, westdeutscher Justizminister in Griechenland, Interview in Der Spiegel, vom 9.8,1976, Seite 30)

„Eine Arbeitsteilung, bei der die Revolutionäre in der Dritten Welt ihren Kopf hinhalten, während die Revolutionäre in den Metropolen feinsinnige Analysen schreiben, ist für mich nicht denkbar.“
(Westdeutscher Guerillero, 1970).

Die vollständige Version ist auf der Materialseite zu dieser Ausgabe zufinden:
http://www.sooderso.de/

Im vergangenen Jahr erschien im Karin Kramer Verlag ein langes Interview mit Rolf Pohle: „Mein Name ist Mensch - Das Interview“.


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CopyLeft © Libertad! / Dokument zuletzt geändert am 11.03.2006 - 18:18
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